Avsnitt 1

Ursprünglich wollte ich über den Frühling verteilt immer mal wieder einen kurzen Text schreiben und von meinen Erlebnissen in der Türkei, in Frankreich und im Norden berichten, da das Schreiben aber hinter dem Training, dem Organisieren und vor allem dem Studium anstehen muss, hat sich das dann ziemlich schnell erübrigt. Dafür gibt es jetzt alles auf einmal.


Sprung in die Unabhängigkeit

Nach zwei grossartigen Jahren im Schweizer Juniorenkader ist mir im letzten Herbst die Selektion fürs Elitekader gründlich missglückt, neben dem, dass ich ganz einfach noch nicht bereit dafür war, auch weil ich während der Saison verletzungsbedingt so gut wie alle Testläufe für internationale Wettkämpfe verpasste. Für mich bedeutet das aber in keiner Weise den Tod meiner grossen Träume. Ganz im Gegenteil spornt mich dieser vermeintliche Nachteil zusätzlich an, die auf dem Weg an die Weltspitze wahrscheinlich unumgängliche Kaderselektion innert drei Jahren zu schaffen und 2023 am Start der WM zu stehen. Zudem kommt mir die Nichtselektion zumindest im Moment gar nicht so schlimm vor. Während das Elitekader sicher über einen riesigen Wissensschatz im Bereich Trainingslehre und Mentaltraining verfügt, die Atmosphäre im Team grossartig ist und es von Vorteil ist, wenn die Trainer einem das ganze Jahr über begleiten und beobachten können und nicht nur die Testlaufresultate sehen, geniesse ich die Freiheit sehr, über die ich als selbständiger Athlet verfüge. Ich kann mein Trainingsjahr frei einteilen und so optimal ans Studium anpassen, habe weniger Deadlines (womit ich mich immer noch schwertue) als die Kaderathleten und kann mehr oder weniger tun und lassen was ich will, ohne mich erklären zu müssen, so lange ich mir davon ein Weiterkommen versprechen. Zudem erarbeite ich mir neue Ideen oder Konzepte lieber selbst als sie lauwarm hingereicht zu bekommen. Vielleicht täusche ich mich da auch, aber zumindest für dieses Jahr ist das meine Situation und ich starte lieber mit einer positiven Einstellung in diesen nächsten Abschnitt, als alles wegen einer nicht geschafften – realistisch gesehen ohnehin unwahrscheinlichen – Selektion hinzuschmeissen. Den grössten Unterschied, den ich wirklich sehe, ist die Finanzierung. Den Athleten des Elitekaders wird grosszügig und sehr umfänglich unter die Arme gegriffen. Ich muss derweil mit kleineren finanziellen Mitteln zurechtkommen. Durch die breite Unterstützung meines Ibelieveinyou-Projekts hat sich diese Sorge aber zumindest für das erste Jahr erledigt. Dafür bin ich sehr dankbar.


Der erste Höhepunkt der noch jungen Saison war die ESOC in der Türkei. Ich wurde etwas überraschend für das kleine Team selektioniert, das nach Sarikamis reisen sollte, obwohl ich mich nicht besonders auf die Ski-OL-Testläufe vorbereitet hatte. Mit einer entsprechenden Erwartungshaltung stand ich einen Monat später dann am Start des ersten Wettkampfs. Ich wollte internationale Erfahrungen sammeln, wie man so schön sagt. Natürlich so hart kämpfen wie ich konnte, aber numerische Höhenflüge versprach ich mir keine. So kam es dann auch. Mit meinen technischen Leistungen konnte ich durchaus zufrieden sein, aber physisch verlor ich noch unheimlich viel auf die Weltspitze. Je länger die Wettkampfwoche ging, desto grösser wurden meine Rückstände, bis ich nach der Staffel über die Ziellinie fiel und nie wieder aufstehen wollte. Trotzdem genoss ich die Zeit in Sarikamis sehr und ich konnte einen guten Schub in die OL-Saison mitnehmen. Die Stimmung in der Ski-OL-Familie ist nur schwer zu übertreffen und die Wettkämpfe waren ein einziges Fest, organisiert von einigen wenigen Enthusiasten, die mit kleinsten Mitteln fünf meisterschaftswürdige Rennen in die türkische Pampa zauberten. Jetzt war es aber höchste Zeit, die Skis für die Übersommerung einzuwachsen, die Langlaufeinheiten im Trainingsplan gegen Techniktrainings einzutauschen und auf der Grundlagenausdauer aus dem Herbst die Schnelligkeit aufzubauen, die im Sommer an den Testläufen in Norwegen darüber entscheiden würde, ob ich nach Lettland ans Euromeeting würde reisen dürfen.


Da war nichts mehr zu machen.

Einen wichtigen Teil der weiteren Vorbereitung auf diese Testläufe in Norwegen war das Trainingslager in Sarpsborg anfangs April. Auf der Heimreise von der ESOC hatte ich mir vorgenommen, dass dieser Flug zurück nach Zürich vorerst mein letzter gewesen sein soll. Ich reiste also zusammen mit Noah Zbinden mit dem Zug in den Norden. Das hat, wie jeweils in den Jahren davor, problemlos geklappt. Wir stiegen am Abend bevor das TL losging in den Nachtzug nach Hamburg und erreichten am nächsten Nachmittag Halden, wo wir mit dem Auto abgeholt wurden. Danach brauchte ich etwas Zeit, um mich vom vielen Sitzen wieder zu entfalten, aus medizinischer Sicht denke ich aber nicht, dass das Reisen mit dem Zug einem mehr abverlangt als das Fliegen. Das dauert zwar weniger lang, dafür ist die Belastung meiner Erfahrung nach etwas höher. Neben dem Zeitunterschied unterscheiden sich die beiden Reisemittel demnach eigentlich nur in zwei Punkten, dem Preis und dem CO2-Ausstoss. In der Schweiz haben wir das Glück, über einen gewissen finanziellen Spielraum zu verfügen (selbst wenn man diesen den Unterstützern seines Crowd-Fundings verdankt) und zum Kohlendioxid gibt es wirklich nichts mehr zu sagen, weshalb ich es unterdessen als ziemlich verantwortungslos erachte, innerhalb Europas mit dem Flugzeug zu reisen. Aber zurück zum Bericht.

Wir wohnten auf dem Utne-Camping in Sarpsborg jeweils zu fünft in Hütten, die eigentlich für drei Personen konzipiert waren. Für ein Trainingslager war das überhaupt kein Problem und eigentlich noch lustig, für die Testläufe, die am selben Ort stattfinden sollten, würden wir uns aber eine andere Unterkunft suchen müssen. Die Trainings an sich waren grossartig, genau das was ich mich von dieser Woche erhofft hatte und ich konnte technisch wirklich sehr viel profitieren und Selbstvertrauen gewinnen. Gegen Ende ging mir wieder einmal etwas die Energie aus, aber davor konnte ich am Vårspretten einen Grossteil meines Potentials ausschöpfen. Und könnte ich von unnötig investierten 40 Sekunden absehen, wäre ich mitten unter den anderen Schweizer Athleten mit dabei (was zu diesen Zeitpunkt zugegebenermassen noch deutlich hinter den nordischen Läufern war). Ich reiste also mit einem sehr guten Gefühl zurück nach Göteborg und am nächsten Tag nach Hause.

Ein Traum...

Herzlichen Dank an dieser Stelle an Jonas Merz für die Übernachtungsmöglichkeit und an Kurt und Lisa Fischer sowie die Familie Tagwerker-Gloor für die finanzielle Unterstützung.


Ein erstes Stolpern

Leider habe ich mir in dieser Woche in Südnorwegen einen Rückstand an der Uni eingehandelt, den ich bis zu den Prüfungen nur knapp wieder aufholen konnte. Das schlug sich auch im Trainingsfortschritt nieder, da ich dauernd zwischen zwei Stunden draussen sein und zwei Stunden am Schreibtisch sitzen entscheiden musste und mich im Nachhinein betrachtet oft für das Falsche entschied. Oder aber mehr in einen Tag zu stopfen versuchte, als wirklich hineinpasst. So nahm ich zwar einen ganzen Berg Arbeit an die Högtiderna in Deutschland und im Bündnerland mit, machte die Bücher mangels Zeit und Lust aber kein einziges Mal auf. Ich bekam im Training zwar nach wie vor gute Rückmeldungen von meinem Körper, aber die Qualität war sicher nicht mehr so gut wie vor dem Norwegen-TL und so machte ich bis zu den Testläufen in Frankreich kaum mehr Fortschritte. Ich habe mir dann auch definitiv mehr von der 1. Testlaufserie versprochen. Nicht dass ich das Gefühl gehabt hätte, mich mal schnell für den Weltcup qualifizieren zu können, aber etwas mehr hätte auf jeden Fall drin liegen müssen. Am Middle hatte ich einen totalen Aussetzer, suchte den ersten Posten beinahe so lang wie die Schnellsten für die gesamte Bahn brauchten, machte in dem Stil weiter und fing mich erst auf den letzten paar Posten wieder einigermassen, als sich die Erkenntnis langsam durchsetzte, dass es jetzt wirklich nicht mehr darauf ankam, wie schnell ich im Ziel war. Ich hatte in den Tagen nach dem Lauf noch eine zweite Erkenntnis, und zwar, dass ich – wieder einmal – zwei Projekte gleichzeitig am Laufen hatte, den Sport und das Studium, dass das eine das andere behinderte und umgekehrt, und dass beide im Scheitern begriffen waren. Ich zog die Notbremse und rettete was noch zu retten war. Die Prüfungen liefen gut und plötzlich fühlte ich mich wieder frisch. Motiviert und fokussiert.


Schieflage.

Vielen Dank an die Familie Hochuli, an Barbara und Marco Rancan, sowie an Bea und Thomas Osterwalder, die mir mit ihrer Unterstützung neben der Reise nach Frankre