Avsnitt 4.2 - Gute Voraussetzungen?

Angefangen hat die Vorbereitung auf diese Testlaufserie ungefähr im November 2020. Damals habe ich eine erste Grobplanung der kommenden OL-Saison gemacht. Das Training setzte sich zu dem Zeitpunkt vor allem aus langen extensiven Läufen und verschiedenem Krafttraining zusammen. Daneben habe ich einige Zeit für die Auswertung der vergangenen Saison und dem Vorbereiten von Trainingsmaterial für das kommende halbe Jahr aufgewendet. Der grösste Teil meines Trainings drehte sich aber um Ski-OL. Anfangs Februar konnte ich den Fokus mangels Qualifikation für die WSOC in Estland wieder vollständig auf den OL legen. Während der nächsten vier Monate unterlag die Qualität des Trainings den gewohnten Schwankungen, war insgesamt aber gut.



Ich habe vom Februar bis im Mai 95 Stunden laufspezifisches Training absolviert, davon 41 Stunden OL-spezifisch. Dazu kommen 65 Stunden Alternativtraining, 24 Stunden Krafttraining und 8 Stunden Ausgleich. Insgesamt 192 Stunden. Im Vergleich zum Vorjahr sind das 37 Stunden mehr. Vor allem OL-spezifische Trainings habe ich 2021 deutlich mehr abgebucht. Gleichzeitig ist das immer noch einiges weniger als die Kaderathleten trainiert haben, gegen die ich angetreten bin. Ich denke, vor allem an qualitativ hochstehenden, intensiven Trainings hat es gemangelt. Da machen sich einerseits die Absagen der Nationalen und vieler Regionaler bemerkbar, die sonst immer als Gratistraining zur Verfügung standen. Wenn man für den Grossteil seines Programms selbst verantwortlich ist, sind solche Gelegenheiten, wo man nicht mehr tun muss, als einfach aufzutauchen, grundsätzlich sehr willkommen. Andererseits trägt aber natürlich auch der Umstand dazu bei, dass ich auf der untersten Stufe der verbändlichen Zuwendungen stehe. Diesen Frühling hat mir das grosse Vorteile all denen gegenüber verschafft, die gar keinem Verbandsgefäss angehören, trotzdem bin ich grundsätzlich auf mich allein gestellt. In der Vergangenheit habe ich das immer auch als Chance gesehen, wenn nicht aus Tatsächlichkeit, dann aus Trotzigkeit, woran sich nichts geändert hat. Einfacher macht es die Dinge allerdings auch nicht. Den Zeitaufwand für Trainingsplanung, Organisation und Auswertung schätze ich nämlich auf nochmals so viel, wie ich nur mit Trainieren verbringe. Demzufolge hätte ich von Februar bis Mai dann 384 Stunden mit OL verbracht. Wenn man pro Tag noch 9 Stunden Schlaf und 10 Stunden Studium rechnet, bleiben noch 2 Stunden für aktive Regeneration, Haushalt und Reisen. Dass das nicht lange aufgeht, ist offensichtlich. Wenn ich Studium und Sport unter einen Hut bringen will und dabei gesund bleiben soll, sind Effizienz und Disziplin entscheidend. So weit so bekannt. Meine Möglichkeiten zur Effizienzsteigerung sind allerdings beschränkt. Wenn ich etwas angehe, will ich es recht machen, das wiederum braucht aber meist zusätzlich Zeit. Es gibt wenige Dinge, die ich einfach mit links erledige. Während ich in den anderen Bereichen meines Lebens immer noch verschiedene Strategien ausprobiere, habe ich für das Training wenigstens zwei Optionen gefunden, von denen ich denke, dass sie mir zum Erfolg verhelfen können. Erstens ist das unser Trainingsprojekt Vompatti OK. Es ist unser Ziel innerhalb der Gruppe, Synergien zu nutzen und bei gemeinsamen Unternehmungen auf eine faire Arbeitsteilung zu achten. Das soll unter anderem Zeit und Energie sparen. Zweitens habe ich mit einer Trainingsform, die ich Ontervall nenne und die es so oder anders schon lange gibt, die Möglichkeit, intensive Einheiten mit kognitiven Aufgabenstellungen zu kombinieren, ohne dass ich in das entsprechende Gelände reisen muss. Auch Postensetzen und -einziehen fallen weg, wodurch diese Trainingsform noch schlanker wird. Diesen Frühling habe ich leider beides nur wenig genutzt.

Pandemiebedingt hat sich innerhalb Vompatti OK nicht so viel ergeben, wie in den Jahren davor. Zudem sind die meisten AthletInnen, die eine Leistungssportkarriere verfolgen, durch ihre Kader gut bedient und haben nicht den Wunsch nach noch mehr Training beziehungsweise gar nicht die Kapazität dafür.

Warum ich nur zwei der anfänglich geplanten 16 Ontervalle gemacht habe, kann ich nicht wirklich sagen. Oft schob ich sie durch die Woche vor mir her, mal weil ich mich nicht ganz so gut fühlte, mal weil eine Abgabe an der Uni anstand. Dann hat es am Ende meist für ein kurzes Lauftraining gereicht, aber eben für nichts mit Inhalt. Ich konnte diesen Frühling also beide Strategien, die ich habe, um effizient durch die Tage zu kommen, nur bedingt zur Anwendung bringen. Das lag auch daran, dass meine Disziplin teilweise himmeltraurig war. Das ist allerdings ein Thema für einen anderen Blogartikel, der sich mit psychischer Gesundheit und Ausgeglichenheit beschäftigt. Dass ich trotzdem gut trainieren konnte, bedeutet, dass ich an anderen Orten Zeit gespart haben muss.


Ein Blick ins Trainingstagebuch bestätigt: Ich ging selten vor 23 Uhr ins Bett. Entsprechend stand ich auch meist erst spät auf und fing erst spät mit der Arbeit für die Uni an. Damit waren die frischen Morgenstunden bereits in den Vormittag übergegangen und die Arbeit zog sich anschliessend zäh durch den Tag, bevor ich mich ins Training verzog und den Abend dann nur selten nochmals mit konzentriertem Lernen verbrachte, bevor ich wieder zu spät schlafen ging. Natürlich war nicht jede Woche so unbefriedigend. Viele überstand ich einigermassen gut. Das Training lief nach Plan, ich hatte Spass und das Gefühl, weiterzukommen. Von den vorgesehenen 10 Stunden Uni am Tag, ging einfach meist die Hälfte für irgendwelche Dinge drauf, die nicht dazu beitrugen, dass ich den Stoff schneller oder besser verarbeitete. Dieses Semester fiel mir überhaupt das meiste, das mit Ausbildung zu tun hatte, schwerer als sonst. Mein akademischer Ehrgeiz hatte sich in Luft aufgelöst. Ein klein wenig kann ich das vielleicht auf das Scheitern in meinem Herzensfach Geografie zurückführen, aber eigentlich denke ich, dass meine Interessen breit genug gefächert sind, dass ich auch mit einem neuen Studium glücklich werde und ich erwarte eigentlich, dass ich diesen Frust jetzt so langsam überwunden habe. Ganz gleich, was die Gründe gewesen sein mögen, meine sportlichen Ambitionen haben mir ein Semester beschert, das keinen richtigen Spass mehr gemacht hat. Die besonderen Umstände, welche das Studium auch diesen Frühling begleitet haben, haben da nicht geholfen.

Während andere AthletInnen ihre Ausbildung guten Gewissens nur auf Sparflamme halten und sich ausschliesslich um den Sport kümmern können, brauche ich ein gewisses Gleichgewicht zwischen allen Lebensbereichen, um harmonieren zu können. Dieses Gleichgewicht hat es streckenweise nicht gegeben. Ich kann das nicht wirklich an harten Fakten festmachen, aber das Wissen, dass ich ein ganzes Semester nicht mit vollen Zügen genützt und genossen hatte, hat mit Sicherheit nicht dazu beigetragen, meine Leistungsfähigkeit in Tschechien zu steigern.


Trotz alledem war ich guter Dinge, als es auf die Testlaufwoche zuging. Ich hatte zum ersten Mal (und im Gegensatz zu den zwei Jahren davor) den Eindruck, überhaupt das physische Leistungsvermögen zu besitzen, um mit meinen Konkurrenten mithalten zu können. Dieses Selbstvertrauen muss rückblickend vor allem durch positive Selbstgespräche beziehungsweise durch Selbsttäuschung zu Stande gekommen sein. Wenn ich die wenigen Vergleiche betrachte, die ich hatte, entbehrte meine Erwartungshaltung jeglichen Bezug zur Realität. Den Testlauf über 5000m beendete ich abgeschlagen auf dem letztem Platz mit 16.84% Rückstand. Im August 2020 hatte dieser Rückstand 9.68% betragen. Bei den anderen direkten oder indirekten Vergleichen sah es ähnlich aus. Dass ich mich bei meinen Leistungstests kontinuierlich verbesserte, liess mich aber hoffen, dass meine Formkurve einfach etwas langsamer anstieg und dann auf den . Oder viel mehr war ich überzeugt davon, dass das der Fall war. Die Werte vom letzten Sommer erreichte ich freilich nie.


Und wenn ich diese (vermutlich unvollständige) Zusammenfassung des Frühlings so betrachte, überrascht es mich weniger, dass die Wettkämpfe in Tschechien so herausgekommen sind.



Dieser Beitrag ist der zweite Teil einer Reihe, in der ich herauszufinden versuche, wieso ich an den Testläufen in Tschechien dermassen schlecht performt habe. Die anderen drei findet Ihr unten.

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